Drei Spiele, drei Niederlagen und jetzt ein Heimspiel, das für Borussia Mönchengladbach früh in der Saison eine besondere Bedeutung bekommt. Am Samstag um 15.30 Uhr kommt der 1. FSV Mainz 05 in den Borussia Park. Erstmals trägt Jan Moritz Lichte als Interimstrainer die Verantwortung an der Seitenlinie.
Vor der Partie hat Borussia ungewöhnlich offen über die eigenen Probleme gesprochen. Lichte erklärte, woran er in dieser Woche gearbeitet hat, warum er bei seiner Mannschaft kein grundsätzliches Haltungsproblem sieht und was sich gegen Mainz ändern muss. Dazu kommen wichtige Personalentscheidungen: Tim Kleindienst fehlt gesperrt, Isac Lidberg drängt in die Mannschaft, Moritz Nicolas erhält deutliche Rückendeckung und bei Ko Itakura räumt Lichte ein, dass der Verteidiger noch nicht wieder sein früheres Niveau erreicht.
Und auch bei der Trainersuche gibt es einen neuen Stand: Sportchef Rouven Schröder bestätigte, dass sich die Auswahl inzwischen auf zwei bis drei Kandidaten konzentriert.
Lichte darf bei Borussia alles hinterfragen
Nach dem Trainerwechsel hatte Lichte nur wenige Tage Zeit, um die Mannschaft auf Mainz vorzubereiten. Eine komplette Revolution soll es trotzdem nicht geben.
Das wäre auch wenig glaubwürdig. Lichte gehörte bereits zuvor zum Trainerteam und war damit an der bisherigen Arbeit beteiligt. Genau damit setzte er sich auf der Pressekonferenz offen auseinander.
Von Schröder habe er für seine neue Aufgabe sämtliche Freiheiten erhalten.
„Wir dürfen alles durchdenken.“
Das bedeutet allerdings nicht, dass Borussia innerhalb weniger Tage alles verwirft, was zuvor erarbeitet wurde. Lichte erklärte, dass sich das Trainerteam zusammengesetzt und überlegt habe, was die Mannschaft in ihrer jetzigen Situation brauche.
Der Plan für Mainz steht. Einzelheiten zur taktischen Ausrichtung verriet der Interimstrainer verständlicherweise nicht.
Seine grundsätzliche Richtung aber schon: Borussia soll wieder Sicherheit bekommen und über die gesamte Partie konsequenter auftreten.
Das größte Problem: Gladbach bestraft sich immer wieder selbst
Lichtes Analyse der ersten drei Saisonspiele fällt differenzierter aus, als es null Punkte zunächst vermuten lassen.
Der Interimstrainer sieht durchaus gute Phasen. Borussia habe über längere Abschnitte strukturiert gespielt, sich Möglichkeiten erarbeitet und phasenweise guten Fußball gezeigt.
Das Problem waren die anderen Momente.
Einfache Ballverluste, falsche Entscheidungen und Fehler im gemeinsamen Verhalten brachten die Mannschaft wiederholt in Schwierigkeiten. Und die Gegner nutzten diese Situationen.
Lichte verlangt deshalb vor allem Sicherheit und Überzeugung bei den eigenen Aktionen. Jeder Pass und jede gemeinsame Bewegung müsse mit Klarheit ausgeführt werden. Genau diese Stabilität ging Borussia in den bisherigen Spielen phasenweise verloren.
Lichte widerspricht der Kritik an der Haltung
Auf der Pressekonferenz wurde Lichte direkt damit konfrontiert, dass einige Szenen nicht nur nach individuellen Fehlern, sondern nach einem Problem bei Einstellung und Haltung aussahen.
Der Interimstrainer widersprach.
Er sieht eine Mannschaft, die im Training arbeitet und Einsatz zeigt. Wenn ein Spieler in einer entscheidenden Situation zögere, falsch entscheide oder einen Gegenspieler nicht rechtzeitig attackiere, wertet Lichte das nicht automatisch als fehlenden Willen.
Die Szenen werden mit den Spielern aufgearbeitet. Dabei gebe es durchaus Momente, in denen ein Spieler im Nachhinein selbst erkenne, dass er anders hätte reagieren müssen.
Für Lichte ist der entscheidende Punkt deshalb nicht die Frage, ob seine Spieler wollen.
Es geht darum, in den entscheidenden Sekunden richtig zu handeln.
Nach einem Gegentor darf Borussia nicht wieder auseinanderfallen
Noch wichtiger ist für Lichte die Reaktion auf Rückschläge.
Genau dort zeigte Borussia zuletzt erhebliche Probleme.
Lichte, verwies auf eine Partie, in der seine Mannschaft nach einem Gegentor zunächst noch ihre Ordnung halten konnte, später aber innerhalb weniger Minuten weitere Treffer kassierte.
Das Muster beschäftigt ihn: Etwas läuft gegen Borussia und kurz darauf folgt der nächste Rückschlag.
An diesem Punkt wurde in der Trainingswoche gearbeitet.
Fehler werde es auch gegen Mainz geben. Das sei im Fußball unvermeidbar. Entscheidend sei, was anschließend passiert. Die Mannschaft müsse lernen, einen Fehler oder ein Gegentor auszuhalten, ohne unmittelbar die Kontrolle zu verlieren.
Das betrifft einzelne Spieler genauso wie die gesamte Mannschaft. Wenn beispielsweise die Abstände nicht stimmen oder die Mannschaft nicht gemeinsam nach vorne schiebt, betrachtet Lichte auch das als Fehler des gesamten Teams.
Kleindienst gesperrt: Jetzt schlägt Lidbergs Stunde
Eine der wichtigsten Personalfragen für Samstag ist bereits beantwortet.
Tim Kleindienst fehlt gegen Mainz gesperrt.
Damit muss Borussia seinen Kapitän und Mittelstürmer ersetzen.
Der naheliegende Kandidat ist Isac Lidberg. Und Lichte machte auf der Pressekonferenz kaum ein Geheimnis daraus, dass der Schwede eine sehr ernsthafte Option für die Startelf ist.
Auf die Frage, ob Lidberg der logische Ersatz für Kleindienst sei, antwortete Lichte mit einem klaren „Ja“.
Bemerkenswert war vor allem seine Begründung.
Lidberg komme nicht einfach deshalb infrage, weil Kleindienst fehlt. Der Angreifer habe sich diese Möglichkeit mit seinen Leistungen erarbeitet.
Lichte verwies ausdrücklich auf dessen Vorbereitung und das, was er seitdem angeboten habe.
Damit spricht vieles dafür, dass Lidberg gegen Mainz seine große Gelegenheit bekommt. Eine endgültige Startelf bestätigte Lichte allerdings nicht.
Nicolas bekommt nach seinem Fehler volle Rückendeckung
Auch im Tor gab es zuletzt Diskussionen.
Lichte ließ jedoch kaum Zweifel daran, wie er Moritz Nicolas beurteilt.
Dass dem Torhüter ein Fehler unterlaufen sei, bestritt der Interimstrainer nicht. Daraus entsteht für ihn aber keine grundsätzliche Debatte um die Position.
Im Gegenteil.
„Wir haben einen der besten Torhüter Deutschlands“, sagte Lichte über Nicolas.
Eine bemerkenswert deutliche Rückendeckung unmittelbar vor seinem ersten Spiel als verantwortlicher Trainer.
Lichte über Itakura: Noch nicht wieder der Alte
Eine weitere interessante Personalie ist Ko Itakura.
Auf der Pressekonferenz wurde Lichte damit konfrontiert, dass der Verteidiger in den bisherigen Spielen Schwierigkeiten gezeigt habe. Gefragt wurde deshalb auch, ob eine Pause sinnvoll sein könnte.
Seine Entscheidung für Samstag verriet Lichte nicht. Bei der Bewertung von Itakuras derzeitiger Form wurde er dagegen deutlich.
Der Verteidiger zeige im Training, welche Qualität er besitzt. Der Verein kenne sein Potenzial und sei von ihm überzeugt.
Gleichzeitig sagte Lichte:
„Was er im Moment auf dem Platz bringt, ist noch nicht das, wo er schon mal war.“
Itakura wisse das selbst.
Borussia will dem Verteidiger Zeit geben. Lichte verwies auf das schwierige zurückliegende Jahr des Spielers und darauf, dass die Rückkehr zum früheren Leistungsniveau möglicherweise länger dauern könne.
„Wir werden die Geduld haben als Verein.“
Für Lichte bleibt Itakura ein sehr wichtiger Spieler. Ob er gegen Mainz von Beginn an spielt, ließ der Trainer bewusst offen.
Personallage: Kono trainiert wieder, Mainz kommt noch zu früh
Neben Kleindienst muss Borussia weitere Ausfälle verkraften.
Die Langzeitverletzten Jens Castrop, Enzo, Leopold und Niklas Kühn stehen nicht zur Verfügung. Bei Kono gibt es dagegen Fortschritte. Er trainiert wieder vollständig mit der Mannschaft.
Für das Mainz Spiel reicht es allerdings noch nicht. Die Partie am Samstag kommt für ihn zu früh.
Wöber, Machino und Hugo Bolin wurden während der Woche ebenfalls thematisiert. Auf die abschließende Frage, ob die angesprochenen Spieler sowie Hashioka grundsätzlich für die Startelf zur Verfügung stehen, antwortete Lichte mit „Ja“.
Das erwartet Borussia von Mainz 05
Mainz wird für eine verunsicherte Gladbacher Mannschaft kein angenehmer Gegner.
Lichte bescheinigt dem Team von Urs Fischer eine hohe Stabilität. Er erwartet eine strukturierte und disziplinierte Mannschaft, die kompakt verteidigen, aber gleichzeitig aggressiv nach vorne spielen kann.
Hinzu kommt die Zweikampfstärke.
Ein besonderes Augenmerk legt Borussia auf den Mainzer Angriff. Lichte bezeichnete das Zusammenspiel des Sturmduos als ausgesprochen gefährlich.
Genau dort setzt die Vorbereitung an: Gladbach will verhindern, dass Mainz seine Stürmer so miteinander verbinden kann, wie es der Gegner normalerweise versucht.
Schröder macht klar, was er jetzt von Borussia erwartet
Sportchef Rouven Schröder versuchte auf der Pressekonferenz nicht, die Bedeutung des Spiels kleinzureden.
„Das Spiel ist elementar wichtig, ohne es jetzt ganz zu hoch zu hängen.“
Borussia steht erst am vierten Spieltag. Die Saison wird unabhängig vom Ergebnis am Samstag weitergehen.
Trotzdem will Schröder nicht akzeptieren, dass sich der Verein nach drei Niederlagen nur noch mit seinen Problemen beschäftigt.
Borussia habe auch etwas zu bieten.
Und dann folgte der Satz, der die Situation wohl am deutlichsten beschreibt:
„Den Arsch sollten wir schon hochkriegen.“
Schröder fordert dabei nicht nur eine Reaktion auf dem Rasen. Er sprach auch die Unterstützung im Stadion an. Gerade wenn etwas nicht funktioniert und Fehler passieren, brauche die Mannschaft Rückhalt.
Für ihn gehört dieser Zusammenhalt zur Grundlage des Vereins.
„Wir brauchen 95 Minuten Support.“
Trainersuche bei Borussia: Nur noch zwei bis drei Kandidaten
Während Lichte die Mannschaft auf Mainz vorbereitet, arbeitet Borussia parallel an der dauerhaften Lösung auf der Trainerbank.
Und hier lieferte Schröder eine der wichtigsten Nachrichten der Pressekonferenz.
Die Suche ist inzwischen weit fortgeschritten.
Schröder beschrieb erstmals ausführlicher, wie Borussia dabei vorgeht. Nach einem Trainerwechsel gebe es zunächst zahlreiche Namen, Vorschläge und Anfragen. Der Verein lege anschließend fest, welches Profil der neue Trainer erfüllen müsse.
Dadurch werde aus einer großen Zahl möglicher Kandidaten zunächst ein kleiner Kreis und anschließend eine finale Liste.
In den entscheidenden Gesprächen geht es nicht nur um Ergebnisse aus der Vergangenheit.
Borussia will wissen, wie ein Kandidat die Mannschaft beurteilt, welche Vorstellung er von der sportlichen Zukunft hat, wie er den vorhandenen Kader einschätzt und welchen Fußball er spielen lassen möchte.
Auch die finanziellen Möglichkeiten des Vereins spielen bei der Entscheidung eine Rolle.
Auf die Frage, wie viele Kandidaten sich inzwischen auf der entscheidenden Liste befinden, wurde Schröder konkret:
„Zwei bis drei.“
Toppmöller und Werner? Schröder bestätigt keine Namen
Mehrere Namen kursieren rund um Borussia. Auf der Pressekonferenz wurden unter anderem Dino Toppmöller und Ole Werner angesprochen.
Schröder ließ sich darauf nicht ein.
„Ich werde Namen jetzt nicht bespielen.“
Grundsätzlich machte der Sportchef aber deutlich, dass Borussia bei der Suche nicht zu klein denken wolle. Der Verein prüfe auch Möglichkeiten über die üblichen Grenzen hinaus.
Gleichzeitig räumte Schröder ein, dass nicht jeder interessante Trainer für Borussia erreichbar sei. Verfügbarkeit, Vorstellungen des Kandidaten, Zeitplan und finanzielle Rahmenbedingungen müssen zusammenpassen.
Die öffentlich genannten Namen sind deshalb nicht automatisch Kandidaten, mit denen Borussia tatsächlich verhandelt. Eine Bestätigung für Toppmöller oder Werner gab es auf der Pressekonferenz ausdrücklich nicht.
Neuer Borussia Trainer soll in der Länderspielpause kommen
Einen grundsätzlichen Zeitplan gibt es.
Gegen Mainz trägt Jan Moritz Lichte die Verantwortung. Das habe man der Mannschaft bewusst frühzeitig vermittelt, damit während der Vorbereitung Klarheit herrscht.
Danach soll die Trainersuche abgeschlossen werden.
Schröder sagte, Borussia wolle in der Länderspielpause einen neuen Trainer präsentieren. Auf einen konkreten Tag Anfang der kommenden Woche wollte er sich nicht festlegen. Der Verein wolle sich wegen eines einzelnen Tages nicht unter zusätzlichen Druck setzen.
Gleichzeitig sprach Schröder von sehr guten Gesprächen und zeigte sich mit dem aktuellen Stand der Suche zufrieden.
Aber zuerst zählt nur Mainz
Die Trainersuche wird Borussia auch in den kommenden Tagen begleiten. Für Lichte und seine Mannschaft darf sie am Samstag jedoch keine Rolle spielen.
Borussia braucht nach drei Niederlagen ein anderes Bild.
Nicht zwingend einen völlig anderen Fußball. Genau das hat Lichte deutlich gemacht.
Er verlangt vielmehr, dass seine Mannschaft die guten Phasen länger durchhält, einfache Fehler reduziert und vor allem nach Rückschlägen stabil bleibt.
Dazu kommt eine veränderte Offensive ohne Kleindienst. Lidberg bekommt seine Chance. Nicolas erhält Rückendeckung. Bei Itakura sucht das Trainerteam weiter den Weg zurück zu dessen früherer Stärke.
Und im Hintergrund steht eine Trainersuche, die offenbar in ihre entscheidende Phase gegangen ist.
Am Samstag aber sitzt Jan Moritz Lichte auf der Bank.
Und Schröders Botschaft lässt wenig Interpretationsspielraum:
Borussia soll gegen Mainz punkten.